Wahrnehmung & Beobachtung

Aus dem Darmstädter Institut zur Erforschung von Angelegenheiten:
Joppo's boulistische Betrachtungen (Essay 3)

Ein zu Unrecht von ambitionierten Pétanqueuren stiefmütterlich behandeltes Sujet

Lesen, aufklappen Prolog

Nirgendwo in der einschlägigen Literatur über Kugelspiele findet man kundige Ausführungen über die Bedeutung von Neugierde, Selbstwahrnehmung und Fremdbeobachtung. Ich möchte zu diesen Punkten keinen Ausflug in allzu wissenschaftliche Betrachtung machen, aber doch der Schulung der alltäglichen Aufmerksamkeit beim Kugelwerfen das Wort reden. Selbst bei den von mir geschätzten Spielpartner(inne)n fällt mir oft auf, dass sie mir nach der ersten Aufnahme noch nicht einmal verraten können, ob bei unserem Gegner ein Linkshänder dabei ist oder ob der Leger eine "frühe" oder "späte" Donnée bevorzugt. Es erfordert eigentlich keine besondere Anstrengung, das nach der ersten Aufnahme zuverlässig registriert zu haben.

Lesen, aufklappen 1. Aufmerksamkeit strengt viele Menschen an...

Wahr ist trotzdem, dass selbst aufgeweckten Zeitgenossen (und nur von diesen soll hier die Rede sein) eine entsprechende Beobachtung und Registrierung lästig zu sein scheint. Hypothesen, warum soviele Boulespieler/innen diese Neugierde nicht walten lassen, hätte ich einige anzubieten: Beim Spielen wollen viele Menschen alles vermeiden, was an den Arbeitsmodus auch nur erinnern könnte. In ihrem Job müssen sie ständig an alles denken, sie dürfen nichts übersehen. Wenigstens nach Feierabend wollen sie gedankenverloren vor sich hin träumen dürfen, das ist doch nicht zuletzt einer der Gründe, warum sie Boule spielen gehen.So eine Einstellung ist gut nachvollziehbar und man sollte sie nicht kritisieren, zumindest nicht beim Feierabendboule.
Im Wettkampf wird diese Haltung nicht selten dafür sorgen, dass am Ende die ein oder zwei Punkte fehlen, mit denen man die Partie gewonnen hätte, es sei denn, diejenigen Spieler(inne)n, denen diese ständige Checkerei zu anstrengend ist, sind so weise, dass sie jemand in ihrem Team dafür zuständig sein lassen, der sich diesen Schuh gern anzieht.

Lesen, aufklappen 2. ... und einige nicht an

Es gibt nämlich den Spielertypus, der alles, was für erfolgreiches Boule von Belang ist, en passant und ohne dass es ihn anstrengen würde, aufsaugt und abspeichert. Derjenige, der die ganze Checkerei dann am Hals hat, d.h. der Gegner wie Partner und alle gespielten Kugeln ständig beobachtet, der jede Donnée aus dem Augenwinkel sieht und sich einprägt, wäre in einem solch "weisen" Team dann für die Sauwürfe ohne Diskussion verantwortlich, für die Entscheidung, ob lang oder kurz zu spielen ist - kurz: der den roten Faden zieht.
Um eine gesteigerte Neugierde meiner LeserInnen zu provozieren, stelle ich ein paar gewagte Behauptungen in den Raum:

Lesen, aufklappen 3. Wurfstile und Manirismen checken!

Wer die Wurfstile seiner Partner und Gegner genau kennt, also z.B. voraussichtliche Données oder Wirkungen eines eventuellen Seitenschnitts antizipieren kann, weil er immer gut beobachtet (oder bei noch unbekannten Gegnern dies nach der ersten Aufnahme im wesentlichen getan haben kann), hat virtuell einen Vorsprung von mindestens einem Punkt pro Partie.
Natürlich setzt diese Behauptung voraus, dass der Gegner nicht mit der gleichen Neugierde und Aufmerksamkeit zu Werke geht resp. sein guter Wille in diese Richtung zwar vorhanden sein mag, seine Wahrnehmungs- und Interpretationsmöglichkeiten aber bescheidener sind. Keine Angst: selbst unter SpitzenspielerInnen ist diese Neugierde nicht sehr ausgeprägt!

Lesen, aufklappen 4. Bodenlesen

Wer die Beschaffenheit des Terrains, etwa hinsichtlich funktionierender oder "verbotener" Données genau auskundschaftet und ihre Kompatibilität mit den Wurfstilen checkt, macht im Verlaufe des Spiels virtuell mindestens einen weiteren Punkt gut, wieder vorausgesetzt, der Gegner tut dies nicht oder nicht so gut.

Lesen, aufklappen 5. Intelligente Sauwürfe

Wer eingefahrene Wurfstile oder Manirismen seiner Partner-Innen (auch eigene!) und seiner Gegner (z.B. Seitenschnitt, der sich mit einem seitlichen Gefälle des Terrains addiert oder aufhebt) in intelligente Sauwürfe münden lassen kann, macht einen weiteren Punkt gut, sofern der Gegner das nicht schnallt und noch mehr Punkte, wenn er das zwar kapiert, dem Gefängnis seiner Angewohnheiten gleichwohl nicht entfliehen kann.
Ein Beispiel: wieviele Kugeln selbst begnadeter Portéespieler landen auf sechs Meter bergab vor der Sau? Da diese, zumindest unbewußt, von dem Problem wissen, spielen sie vor lauter Angst, durchzulegen, so kurz, daß die Kugel dann auch nichts taugt oder sie legen erst recht durch. D.h. gegen einen Gegner, der dogmatisch aus dem Stand spielt oder dogmatisch portiert, ist - vor allem bei harten, schnellen Böden - ein Sauwurf auf sechs Meter ein intelligenter. Umgekehrt hätte man zu verfahren - vornehmlich auf unruhigen Böden -, wenn der Gegner nur des Kullerns mächtig ist. Denn welcher "gemeine Hausfrauenwurf" oder (um nicht in den Verdacht chauvinistischer Denke zu geraten) sagen wir besser "Hausmeisterwurf" kann auf zehn Meter noch zuverlässig in die Nähe des Ziels kommen, wenn unterwegs Weichen oder Hindernisse warten?
Ein drittes Beispiel mit ungeahnter Wirkung ist, auf Terrains mit seitlichem Gefälle die Sau immer so zu schmeißen, dass sich die Folgen der Schwerkraft mit denen des Seitensschnitts des gegnerischen Vorlegers addieren. Man wird diesen guten Mann bzw. diese gute Frau schier zur Verzweiflung treiben.

Lesen, aufklappen 6. Das Spielerische bei aller Denke nicht verlieren

Wie gewöhne ich mir an, all die angesprochenen Aspekte wirklich zu beobachten und die sich daraus ergebenden Konsequenzen zu ziehen? "Da artet ja Boulespielen in Arbeit aus, da kann ich mich gar nicht mehr entspannen, wenn ich auf all die Dinge aufpassen soll". So oder so ähnlich lauten oft die Antworten, wenn man jemanden auffordert, den Gegner, sich selbst und den Lauf der Kugeln wach und aufmerksam zu observieren. Oder - noch schlimmer - er sagt es nicht, denkt es aber.
Damit das spielerische, unbefangene Moment nicht verlorengeht, das bei weniger erfahrenen Akteuren immer die Mutter guter Kugeln ist, muss es jetzt die Kunst des wissenden, reifen Spielers sein, seinen missionarischen Eifer so zu zügeln, dass die weniger wissenden Partner nicht denselben Streß kriegen, wie hoffentlich die Gegner.
Wenn der Chef dīéquipe hier 90% seiner Beobachtungen und Weisheiten für sich behält, auch wenn es ihn noch so juckt, seine Partner damit zu beglücken, ist er im Zweifel ein kluger Chef. Seine Partner "Bauchkugeln" spielen zu lassen, wenn es funktionieren kann, wäre einfach weise.

Lesen, aufklappen 7. Wenn Schweigen gold ist

Noch ein Beispiel: der gegnerische Vorleger kann nur mit Rechtsschnitt spielen, dein Vorleger hat jedoch (unbewußt) einen furchtbaren Linksschnitt drin, und sei er noch so kontraindiziert. Hier muß der Chef - jedenfalls während eines Turniers und zu diesem Thema - das Maul halten. Seine Kunst muss es sein, die Sau so zu werfen, dass die Manirismen des Gegners bestraft werden, die der Partner (auch eigene?) aber unschädlich bleiben. Sein kleiner Triumpf sollte sein, zu sehen, wie diese Tricks funktionieren, auch wenn kaum einer abrafft, warum. Thematisieren kann und soll er das daheim beim Spiel oder Training durch entsprechende Übungen:

Lesen, aufklappen 8. Grundkurs Selbstwahrnehmung

Nach meinen Beobachtungen können ca. 35 bis 40% aller Bou-listinnen und Boulisten nicht geradeaus spielen. Und zwei Drittel von ihnen ist nicht bewußt, dass sie es nicht können.
Ein gutes Hilfsmittel, wie man die Selbstwahrnehmung dafür sensibilisieren kann, ist folgende Übung: Man zieht zwei gerade Linien im Abstand von 30 cm zwischen Kreis und Sau, läßt den Rechtsschnippler sich so in den Kreis hocken oder stellen, dass sein rechtes Schultergelenk genau in der Mitte dieser beiden Linien ist und stellt die Aufgabe, eine Kugel zu legen, deren Donnée nur zwischen diesen beiden Linien sein darf. Hierbei ist darauf zu achten, dass das Terrain kein seitliches Gefälle besitzt und am besten ziemlich glatt und etwas feucht ist, noch besser mit leicht lehmigem Anteil (solche Böden nehmen den Schnitt am wirkungsvollsten an).
Zunächst wird man die erstaunliche Beobachtung machen, dass der Rechtsschnippler unbewußt immer rechts der beiden Linien aufsetzen will. Wird er gezwungen, innerhalb der beiden Linien aufzusetzen (z.B. durch 50 Cent Strafe pro Wurf mit einer Donnée rechts der Linien in die Kaffeekasse des Vereins), werden seine Kugeln überwiegend links vom Schweinchen ankommen. Für die Linkshänder (resp. Linksschnippler - es gibt auch Rechtshänder mit Linksschnitt!) ist die Übung analog seitenverkehrt anzuordnen.
Noch größer ist in der Regel der "Aha-Effekt" bei folgender Übung: Man läßt auf eine ca. 8m50 entfernte Kugel schießen. Hinter der Kugel wird eine gerade Linie in exakter Verlängerung der gedachten Geraden zwischen Kreis und Sau bis auf ca. 20 m gezogen. Alle Löcher der Rechtsschnippler werden dann in der Regel deutlich links von dieser Linie liegen, die der Linksschnippler deutlich rechts von ihr.

Lesen, aufklappen 9. Schwierige "Therapie"

Zwar ist den Schnipplern nun bewiesen worden, dass sie permanent mit Seitenschnitt spielen, aber sie werden sich in der Regel anfangs noch dagegen wehren, lernen zu sollen, geradeaus zu spielen. Als gut funktionierender "therapeutischer Trick" hat sich die Einführung einer Symbolik bewährt, die sagt: "Denke Dir, Du bist von einer Schlange gebissen worden und brauchst jetzt dringend das Gegengift, um wieder gesund zu werden". Als Gegengift soll dann das Erlernen des umgekehrten Schnittes zur Wirkung kommen. Da muß man hinsichtlich der technischen Grundfertigkeiten quasi noch mal bei Null anfangen, d.h. mit folgenden Übungen: • Wie nehme ich die Kugel richtig in die Hand?
  (greifen ohne Daumen und kleinen Finger)
• Wie mache ich die Hand richtig auf ?
  (ohne das Handgelenk schräg zu stellen bzw. bei "Gegengift"
  falsch rum abzuknicken)
• Wie lasse ich die Kugel denn richtig über die Fingerkuppen abrollen?
Erst wenn jemand bewußt "falsch rum" schneiden kann, wird es Sinn machen, am Ende das Spielen ohne jeden Schnitt zu üben, denn eine solche Angewohnheit ist sonst praktisch "therapieresistent". Man muß halt bedenken, dass viele SpielerInnen diese Angewohnheiten seit Jahren praktizieren und viele taten es noch dazu, ohne dass es ihnen bewußt war. Zur Kontrolle der Lernfortschritte eignen sich die beiden oben skizzierten Übungsanordnungen wieder bestens.

Lesen, aufklappen 10. Motivationshilfe

Als Motivationshilfe sind natürlich positve Anreize wirkungsvoller, als die vorhin vorgeschlagene Strafe für falsche Données, die aber im Sinne des Kindes, das auf die heiße Herdplatte gegriffen hat, auch ihre Berechtigung hat. Solche Anreize könnten darin bestehen, bei erster Wirkung des Schlangen-Gegengiftes, also der Wahl einer Donnée auf der "falschen" Seite der Linien mit gutem Richtungsergebnis der gespielten Kugel, Bo-nuspunkte oder auch Materielles (z.B. wieder 50 Cent) auszuloben. Ein gut durchdachtes Bonus/Malus-System ist nachhaltiger in der Wirkung, als die meisten pädagogischen Künste.
Wir haben uns in diesem Essay schwerpunktmäßig mit Fragen der Wahrnehmung und Bewusstwerdung geschnittener Kugeln beschäftigt und zum Ausklang einige Ideen zum Umgang mit diesem Phänomen zum Besten gegeben. Es gibt noch viele weitere lohnende Kapitel hinsichtlich Selbst- und Fremdwahr-nehmung, mit denen Boulomanes sich beschäftigen sollten.
So wird es zu dem Thema an diesem Ort bald eine Fortsetzung geben müssen. Vielleicht haben uns einige LeserInnen vorher ihre Erfahrungen und Meinungen mitgeteilt, damit eine fruchtbare Debatte zu diesem Thema, das für die Ausbildung in Pétanque-Techniken so wichtig ist, möglich sein wird.


© Joppo  (Darmstädter Institut zur Erforschung von Angelegenheiten)
 


 

 
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