Kausalattribuierung beim Pétanque

Aus dem Darmstädter Institut zur Erforschung von Angelegenheiten:
Joppo's boulistische Betrachtungen (Essay 4)

Fehler und Chancen bei der Zuordnung von Ursache und Wirkung durch Kugelwerfer

Lesen, aufklappen Vor - Sprung

"Die ist versprungen" hört man gern nach einer Kugel, die ganz wo anders landete, als sie sollte. Dieser Satz ist garantiert die häufigste im Pétanque benutzte Kausalattribuierung, d.h. die Benennung einer Ursache für das (in diesem Fall unerwartete) Verhalten einer Kugel.
Dieser Satz ist wahrscheinlich auch die verbreitetste Ausrede im Pétanque, mit der man die Verantwortung für eine schlecht gespielte Kugel auf unschuldige Steine abzuschieben versucht.
Das soll nicht heißen, dass Kugeln nicht wirklich verspringen könnten und die Ursache dafür vorher beim besten Willen nicht zu erkennen war. Aber da geht`s schon los mit der Kausalattribuierung: Was müsste man nicht alles geklärt haben, bevor man sich auf diese eine Zuordnung von Ursache und Wirkung festlegen darf!

Lesen, aufklappen Gründe, ach Herr je, gäb`s viele

Es könnte am falschen "timing" des Wurfes gelegen haben, an zuviel oder zuwenig Rückspin, an dem unpassenden Seitenschnitt, an der falsch gewählten Donnée oder an der eigentlich richtig gewählten, leider aber doch nicht "gesunden" Donnée, an schlechtem Bodenlesen oder oder oder .... Eine Antwort auf diese Frage ist in vielen Fällen wirklich nicht einfach.
Sie setzt zum einen die diesbezügliche Neugierde voraus, zum zwei-ten eine Wachheit, die die präzise Wahrnehmung aller Ereignisse von Belang ermöglicht und schließlich die Fähigkeit einer vorurteilsfreien Interpretation.
Meine Alltagsbeobachtungen ergeben mit einer hohen Quote bei Spielern, die meinen oder vorgeben, ihre Kugel sei ver-sprungen, eine ganz andere Kausalattribuierung. Nach ihrem Wurf suchen sie den Weg nach dem vermeintlichen Bösewicht ab, um dann einen schuldigen Stein zu finden, der gar nicht schuld sein kann, weil ihre Donnée tatsächlich woanders war.
Dieses Phänomen kann seinerseits zwei völlig unterschiedliche Gründe haben:
• entweder sind diese BoulistInnen nicht wirklich neugierig
   und hellwach bzw. ihr räumliches Vorstellungsvermögen ist
   dürftig, sodass ihre Wahrnehmung für den Punkt, auf dem
   die Kugel den Boden berührt hat, nicht präzise sein konnte.
• oder sie veranstalten das ganze Theater sowieso nur, damit
   Partner und/oder Gegner ihrem jämmerlichen Wurf eine Ursache
   zuordnen sollen, der mit ihrer (das soll dann so suggeriert
   werden) eigentlich tollen Spielkunst nichts zu tun hat.

Lesen, aufklappen Sachliches und Charakterliches sauber trennen

Der erste Grund hätte demnach mit ihren Kompetenzen zu tun, der zweite mit ihren Komplexen. Je nachdem, welche Zuordnung stimmt, ergeben sich sehr gegensätzliche Konsequenzen:
• im ersten Fall bräuchten die Betreffenden Unterstützung, um
   die fehlende Genauigkeit in ihrer Beobachtung nachzuschulen
   oder überhaupt erstmal die nötige Neugierde dafür zu entwickeln;
• im zweiten Fall müsste man sie vielleicht mal anständig "in
   den Senkel stellen", damit sie schnallen, dass ihre blöde Suche
   nach Schuldigen bei den Wissenden absolut lächerlich
   wirkt, bei den Unwissenden sowieso zwecklos ist.
Weil es im Rahmen der Kugelwerferei ein völlig hoffnungsloses Unterfangen wäre, charakterliche Dispositionen von SpielerInnen bearbeiten zu wollen, können wir hier keine anderen Ratschläge geben, als die folgenden:
1. solche Akteure entweder konsequent zu meiden oder 2. ihren Komplexen durch hundertprozentiges Ignorieren tendenziell den Nährboden zu entziehen oder
3. mit Witz über sie herzuziehen, etwa ihren neurotischen Schuld-Such-Komplex als Krankheit mit ihrem (Boule-) Namen als Paten zu benennen ("Morbus Banga") oder
4. ihnen in alter Schulmeistermanier das Maul zu stopfen.
So, jetzt hätten wir die getürkten Kausalattribuierungen unter der Überschrift sonderbare Charaktere behandelt und Vorschläge zum Umgang mit denselben gemacht. Jetzt können wir uns endlich denjenigen Ursachen zuwenden, die mit Fragen der eigentlichen Spielkunst zu tun haben.

Lesen, aufklappen Gründe innerhalb oder außerhalb des Spielers

Will jemand, dessen/deren Kugel nicht das gemacht hat, was sie machen sollte, anschließend einen passenderen Wurf hinkriegen, dann müsste er/sie genau klären, warum sie das getan hat. Diese Ursachenforschung findet in einem Spannungsbogen zwischen Kognition und Intuition statt, was mit Kopf und Bauch nicht ganz treffend übersetzt ist. Was er oder sie in jedem Falle braucht, ist:
a) eine gute Selbstwahrnehmung,
b) eine genaue Beobachtung der Kugel und ihres Verhaltens
c) ein präzises Studium des Terrains.

Lesen, aufklappen Glück oder Pech oder Kunst?

Nehmen wir mal an, ich hätte Boulespielen auf einem recht einfachen Terrain gelernt und meine prägenden Erfahrungen, wie Kugeln sich so verhalten, auf eben diesem Gelände gemacht. Wenn dieser Boden praktisch jeden Wurf, also flach, halbhoch oder ganz hoch toleriert, weil man auf Données eigentlich nicht achten muss und jede Kugel in die Nähe der Wutz kommt, wenn sie nur richtig "getimt" ist, dann erlebe ich bei meinem ersten Auswärtsspiel auf anspruchsvollem Terrain zunächst mein Waterloo.
Wenn mein Gegner spezielle Données genau trifft, seine Kugeln also wie konzipiert ankommen, meine aber nicht, dann werde ich Ursache und Wirkung bei seinen Kugeln "Glück" zuordnen, bei meinen attribuiere ich "Pech". Ich kann ja noch gar nicht wahrnehmen, dass er Données, die er für mich unmerkbar, nämlich nur in seinem Geiste ausgesucht hat, getroffen hat, während ich mir eine präzise Donnée vorher noch nie gesucht habe, ergo sie auch noch nie getroffen haben konnte.
Frühestens nach seiner fünften oder zehnten Kugel, die nicht verspringt, während meine alle irgendwo landen, wird mir bei vorurteilsfreier Betrachtung langsam dämmern, dass das mit Glück und Pech so nicht stimmen kann. Meine mir zunächst logisch erscheinende Kausalattribuierung hält einer ehrlichen Überprüfung nicht stand. Ich werde dieses Spiel achtkantig verlieren und doch selten in meiner Boulekarriere einen so großen Gewinn gemacht haben, wie in dieser Niederlage.
Wenn ich meine neue Einsicht nutzen will, muss ich folgendes klären: Habe ich
(a betreffend) der Kugel vielleicht zuwenig Rückdrall verliehen oder sie etwas zu wenig gelupft oder
(b betreffend) zuwenig beachtet, wie schnell oder abschüssig der Boden ist oder habe ich eigentlich alles so ausgeführt, wie ich es konzipiert hatte und
(c betreffend) muss ein (aus dem Kreis vielleicht unsichtbarer) Beschleuniger in der Donnée Schuld am unerwarteten Verhalten der Kugel gewesen sein?

Lesen, aufklappen Niederlagen als Quell der Erkenntnis?

Ich möchte anmerken, dass dieser Schritt, ein Vorurteil oder eine falsche Hypothese zu verwerfen und Neugierde für eine andere Kausalattribuierung zu entwickeln, die nach allen Seiten offen sein muss, nicht vielen gegeben ist. Die Mehrzahl der BoulespielerInnen spielt im Grunde genommen ihr ganzes Leben ihren Stiefel runter, wie die Mehrzahl aller Menschen im Grunde ihren immer gleichen Stiefel leben.
Viele kommen mit diesem Stiefel übrigens bestens zurecht, spielen zuweilen sogar recht erfolgreich oder leben nicht unglücklich. Sich um viele Dinge keinen Kopf zu machen, kann nämlich hilfreich sein. An solchen Zeitgenossen nagen keine Selbstzweifel, sie betrachten vieles als quasi schicksalhaft.
Wer immer kapieren will, warum was passiert, hadert oft mit sich selbst, weil er die Möglichkeit, dass sein technisches Unvermögen oder sein falsches spielerisches Konzept schuld am Misslingen seines Wurfes sein könnten, immer mit ins Kalkül zieht. Also Vorsicht: Wer immer vom Baum der Erkenntnis naschen will, wird vorübergehend deutlich schlechter spielen, ja, es gibt auch einige PatientInnen, die dadurch quasi lebenslänglich zu schlechtem Spiel verurteilt sind.
Andererseits: Richtig gut werden kann letztlich nur jemand, der gleichzeitig mit feiner Intuition, sensibler Wahrnehmung und hoher Bewusstheit zuwerke geht.

Lesen, aufklappen Das Spielerische

Natürlich kann, wer die Klärung solcher Fragen akribisch verfolgt, nicht mehr wirklich Pétanque spielen. Wann es klug ist, den Verstand einzuschalten und wann es klug ist, genau das zu unterlassen, dafür läßt sich eine Richtlinie nicht formulieren.
Zu erspüren, wann das eine und wann das andere angesagt wäre, ist nur nach Bezahlen von viel Lehrgeld möglich. Und das Paradoxon, dass der Verstand die Einsicht gewinnt, sich selber ab-schalten zu sollen, ist eigentlich unauflösbar. Es dennoch hinzukriegen, ist eine Kunst.
Trotzdem: Unablässig neugierig für solche Fragen zu sein, erhöht den Reiz des Spiels ungemein und führt nach und nach - und zwar spielerisch - zu luststiftenden Erkenntnissen und mehr Gelassenheit beim Spiel aufgrund von mehr Wissen.
Wenn Erwachsene sich spielerisch in Wettkämpfen messen, ist es eigentlich immer eine Gratwanderung zwischen (vor)- wissenschaftlicher Durchdringung und Beherrschung der Naturgesetze und kindlicher Regression.

Lesen, aufklappen Donnée-präzises Spiel braucht Erfahrung

Kommen wir zu unserem Ausgangspunkt, der Zuordnung der richtigen Ursachen für versprungene Kugeln, zurück. Mein Gegner hat also meine Nase auf ein neues Thema gedrückt. Ich weiß plötzlich, dass ich ganz bestimmte Punkte (Données) mit meinen Kugeln präzise treffen muß. Aber woher weiß ich, welche? Und wie soll ich die dann bitteschön genau treffen, wenn sie nur so groß oder besser klein sind, wie eine Untertasse?
Die richtigen Données auszusuchen, erfordert viel Erfahrung, sie zu treffen, viel Übung. Tipps, nach welchen Aspekten man sinnvolle Données wählt, kann man - ohne über ein konkretes Terrain zu sprechen - recht schlecht zu Papier bringen.

Lesen, aufklappen Wie wählt man passende Données?

Nur einiges gilt allgemein: Wer im Spielen hoher Kugeln noch unsicher ist, sollte sich bei unruhigem oder steinigem Boden einen "frühen gesunden" Aufschlagpunkt wählen, d.h. eine Stelle im ersten Drittel der Strecke zwischen Kreis und Sau, in der die Kugel nicht verspringen wird und diese dann relativ flach und scharf spielen. Wer schon recht zuverlässig portieren kann, sucht sich im letzten Drittel zwischen Kreis und Sau eine "späte" Donnée und versucht diese mit einem "weichen" Wurf genau zu treffen.
Wenn auf gerader Strecke Richtung Sau extrem unkalkulierbares Terrain vorherrscht, es ca. 50 cm rechts oder links von dieser Strecke aber recht "gesund" aussieht, sollte man sich nicht scheuen, die Kugel dort zu spielen, wohl wissend, dass ihre Richtung etwas daneben sein wird. Denn: landet sie am Ende einen Meter rechts oder links, aber auf Sauhöhe, wird sie immer noch besser sein, als fast alle anderen Kugeln, die ans Schweinchen gespielt werden sollten und dann doch meterweit verhungern oder durchtoben, weil die zentral gelegenen Données einfach nicht funktionieren können.

Lesen, aufklappen Wie trifft man passende Données?

Nicht anders, als schießen: Es geht in hohem Maße um die Automatisierung von Bewegungsabläufen.
Man kennzeichnet Données, zunächst in einer Entfernung von 6 Metern und in der Größe eines Klodeckels, dann in der Größe eines Pizzatellers und am Ende in der Größe einer Untertasse. Anfangs versucht man die Données mit flachen Würfen, nach und nach mit immer höheren Würfen zu treffen. Für die höheren Würfe sind optische Barrieren (z.B. Federball- oder Volley-ballnetze) sehr hilfreich. Erst bei einer Erfolgsquote von über 50% geht man an die nächst schwierigere Variante.
Beherrscht man die Würfe auf 6 Meter zufriedenstellend, geht man auf 7 Meter, wenn die halbwegs klappen, auf 8 Meter usw. Sehr zu empfehlen ist, diese Übungen in Wettkampfform mindestens zu zweit zu arrangieren.
Um die mentale Komponente gleich mitzutrainieren, kann man ruhig um kleinere Beträge zocken - oder, wer das nicht schätzt, läßt den Verlierer einen Obulus in die Kaffekasse des Vereins entrichten.


© Joppo  (Darmstädter Institut zur Erforschung von Angelegenheiten)
 


 

 
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