Waffengleichheit & Schiedsrichter

Aus dem Darmstädter Institut zur Erforschung von Angelegenheiten:
Joppo's boulistische Betrachtungen (Essay 5)

Ein leidiges Kapitel auf vielen (nicht nur deutschen) Bouleplätzen dieser Welt

Lesen, aufklappen Vorwort

Weil und insofern Pétanque ein Wettkampf ist, kann es eigentlich um nichts anderes gehen, als (hier in der Disziplin der Geschicklichkeit beim Kugelwerfen) besser als der Gegner sein zu wollen. Trotz der gerade unter Boulespieler-Innen oft kultivierten Philosophie, nach der Pétanque ein pazifistischer Sport sein soll, kann niemand ernsthaft leugnen, daß ohne den Wunsch und die Kompetenz, dem Gegner (spielerisch) schaden zu wollen, eine Partie kaum gewonnen werden kann bzw. der ganze Sinn der Veranstaltung in Frage stünde.
Diese Notwendigkeit läßt billige Charaktere gern ins Unsportliche abgleiten. Um den Wettstreit von Kugelwerfern in geordnete Bahnen zu lenken, wurde für Pétanque wie für alle Wettkampfdisziplinen natürlich ein umfangreiches Regelwerk geschaffen. Das kann Unsportlichkeiten wegen der Sanktionsandrohungen nur verringern, nicht verhindern.

Lesen, aufklappen Kleingeister

Mindestens genauso billig sind allerdings diejenigen Charaktere, die ständig mit dem Regelwerk und/oder dem Maßband herumfuchteln. Weil sie beim Kugelwerfen nichts wirklich gebacken kriegen, versuchen sie halt auf einem Nebenkriegsschauplatz die besseren zu sein. Das ist ihr gutes, nein: ihr schlechtes Recht.
Einen wirklich souveränen Spieler kann das natürlich nicht anfechten. Ist er kein Kleingeist, verzieht er keine Miene, falls der Gegner Kugeln mißt, bei denen offensichtlich ist, welche näher liegt oder wenn derselbe Gegner keine Kugel in den Meterbereich bringt, sich aber bemüßigt fühlt, einen darauf hinzuweisen, daß die Fußspitze drei Zentimeter über den Kreisrand ragt.
Unter Top-Teams (bis hin zu französischen oder Weltmeisterschaften, bei denen eine Armada von Schiedsrichtern alles observiert) hat sich parallel zur Regelwut eine Spielkultur mit ungeschriebenen Gesetzen herausgebildet, gegen die selbst Top-Schiedsrichter entweder machtlos sind oder klugerweise machtlos sein wollen.

Lesen, aufklappen Waffengleichheit

Die lautet etwa: präparierst Du eine Donnée, die nicht die ist, die Du laut Regelwerk präparieren dürftest, sage ich nix, wenn Du mich dasselbe tun läßt. Triffst Du sie dann wirklich und machst einen Super-Punkt, dann ziehe ich sportlich meinen Hut, denn eine Donnée genau zu treffen, entspricht von der Spielkunst her betrachtet einem präzisen Treffer beim Schießen. Ich hab ja anschließend dieselbe Chance und wenn ich es genauso gut kann, hebt das nur das sportliche Niveau unseres Spiels und die Begeisterung der Zuschauer. Solange die Waffengleichheit nicht verletzt wird, kann kein sportlich orientierter Mensch etwas dagegen haben, was auch immer im Regelwerk stehen mag.
Ähnlich ist die alltägliche Praxis, wenn jemand mit der Fußspitze ein wenig über dem Kreis steht o.ä..
Noch interessanter ist die Frage der Waffengleichheit auf Ebenen, die vom Regelwerk gar nicht tangiert werden. Ein Beispiel: eine Mannschaft schießt sauber auf Eisen, die andere fängt (nicht selten, wenn sie hoch zurückliegt), grausam an zu raffeln. Nun würde das Regelwerk ja nicht mal was dagegen haben, wenn man dieser Mannschaft mit derselben Münze heimzahlte (sozusagen ein zulässiges Revanchefoul).

Lesen, aufklappen Stillschweigende Verabredungen

Boulegott sei dank gehören nicht nur die offiziellen Regeln zum Pétanque, sondern auch ästhische und moralische Maxime. Für viele wäre es ein Sündenfall, wenn sie nicht mehr "ehrlich auf Eisen" schössen, für andere wäre es einfach unprofessionell, sportlich zulässige Methoden (wie Raffeln) nicht anzuwenden.
Das Schöne am Pétanque ist ja gerade, dass beide Teams im Verlauf eines Spiels (wenn sie sich kennen, auch schon vorher) über die veröffentlichten Regeln weit hinausgehende stillschweigende Verabredungen treffen. Ihre Einhaltung gibt nicht zuletzt Auskunft über ihre Charaktergröße und somit über eine Dimension, die mindestens so spannend ist wie ihre Geschicklichkeit im Umgang mit den Kugeln selbst.
Wenn nun Schiedsrichter sich bemüßigt fühlen, hier vorstellig zu werden (vorausgesetzt, die Waffengleichheit wurde nicht verletzt) dann zeugt das bestenfalls von den armseligen Motiven, aufgrund derer sie Schiedsrichter geworden sind.

Lesen, aufklappen Arme Arbitres

Leider ist das bei einer großen Zahl dieser Spezies der Fall. Und zwar nicht nur in Deutschland, wie gerade Deutsche, die sich für aufgeklärt halten, denken mögen, sondern noch schlimmer im oft gelobten Frankreich selbst und vielleicht am allerschlimmsten in Belgien. "Wer nix wird, wird Wirt", sagt der Volksmund.
Die Analogie zum Boulevolksmund über Schiedsrichter soll an dieser Stelle verschwiegen werden, denn natürlich braucht unser Sport Schiedsrichter und natürlich ist Schiedsrichter zu sein in vieler Hinsicht ein scheiß Job. Warum sollte jemand, der geil Boule spielen kann oder wenigstens nicht aufgehört hat, davon zu träumen, Schiedsrichter werden?
Ich weiß darauf keine Antwort und so ist es kein Wunder, warum soviele Schiedsrichter bestenfalls vom Geiste eines Hausmeisters umzingelt sind. Aber vielleicht wäre es ja möglich, ihren Job attraktiver zu machen, indem der Verband auf seinen Schiedsrichterlehrgängen und Schulungen das Moment der Waffengleichheit sozusagen als philosophische Grundlage über alles stellte?


© Joppo  (Darmstädter Institut zur Erforschung von Angelegenheiten)
 


 

 
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